Weibliche Logik

Ich bin ein rigoroser Befürworter der Emanzipationsbewegung. Schon seit langem muß ich gestehen, daß Mädchen und Frauen uns in Bezug auf logisches und analytisches Denkvermögen unaufholbar voraus sind und daß dieser Tatsache endlich Tribut gezollt werden sollte. Natürlich bezieht sich diese Überlegenheit nicht auf sämtliche Bereiche des täglichen Lebens, sondern nur auf wenige. Besser gesagt auf einen: Mode.
»Ziemliche Bullenhitze, und das, obwohl erst April ist.« eröffne ich das Gespräch mit Sabine, die ich zufällig im Biergarten treffe.
»Ja, ich bin gestern und heute sogar schon ohne Strümpfe gegangen.« antwortet Sabine, die ich schon seit Jahren gut kenne und die, wie ich bislang geglaubt hatte, an keinerlei körperlichen Gebrechen leidet. Insofern erstaunt es mich zu erfahren, daß sie bis vor zwei Tagen zum Benutzen ihre Beine offenbar auf orthopädische Hilfsmittel, nämlich besagte Strümpfe, angewiesen war. Erst durch das schöne Wetter scheint sie diese nicht mehr zu benötigen.
»Willst du damit sagen«, frage ich erstaunt, »daß du bei kühler Witterung Stützstrümpfe tragen mußt, um überhaupt gehen zu können?«
»Wieso?« fragt sie ebenso erstaunt zurück, woraus ich schließe, daß wir irgendwie aneinander vorbeireden.
»Du erwähntest doch«, resümiere ich, »daß du dich erst seit gestern ohne Strümpfe auf den Beinen halten kannst. Da die Temperaturen seit gestern gestiegen sind, habe ich vermutet, daß sich dein mir bislang unbekanntes Gebrechen nur bei Kälte äußert.«
»Idiot!«
»Wieso? Sollte an dieser meines Erachtens logischen Schlußfolgerung etwas nicht stimmen?« frage ich ehrlich überrascht.
»Quatsch, ich meinte, daß ich aufgrund der plötzlich eingetretenen Hitze auf das Tragen von Strümpfen oder Strumpfhosen verzichten kann, ohne kalte Beine zu bekommen.«
»Ah, ja« erwidere ich, und wir unterhalten uns für den Rest des Abends über Autos; ein Thema, bei dem ich mangels Durchblicks ebenfalls nicht mitreden kann.

Einige Tage später treffe ich Blondie, die ich mit den Worten begrüße: »Schnuckeliges Teilchen, das du da trägst.«
»Danke. Das ist ein Body.«
»Ist mir bekannt«, erwidere ich, da wir vor einiger Zeit enger miteinander liiert waren, »aber ich rede von dem schwarzen Spitzenzwirn, in den du denselben gesteckt hast.«
»Ich auch.« meint sie ein wenig verunsichert.
»Das glaube ich nicht. Deinen Body kenne ich bereits, im Gegensatz zu dem Satingeschoß, welches ihn bedeckt.«
»Eben. Das ist ein Body.« beharrt sie auf das bereits Gesagte.
»Body«, bringe ich meine in langjähriger Untersekunda-Erfahrung erworbenen Sprachkenntnisse ins Spiel, »kommt aus dem Englischen und bedeutet 'Körper'. Du hast mich also wohl doch mißverstanden, oder willst du behaupten, daß das Schwarze auf deinem Körper ein Körper ist?«
»Das heißt aber so. Das verstehst du nicht.«
Ich verstehe es nicht.

»Was ziehst du morgen eigentlich zu der Hochzeitsfeier an?« höre ich tags darauf Christiane Heike fragen.
»Meinen schwarzen Hosenanzug und ein weißes Top.«
»Ich mische mich ja nur ungerne ein, aber was bitte ist ein Hosenanzug?« möchte ich wissen.
»Idiot, eine aus Jacke und gleichfarbiger Hose bestehende Kleiderzusammenstellung natürlich.«
»Das klingt für mich ganz genau wie das, was ich als Anzug kenne« werfe ich ein.
»Ja, du
»Und was ist ein Top? Als alter Engländer (ich habe schon einmal Dr. Jekyll and Mr. Hyde in der Originalversion gelesen) würde ich dieses Wort mit 'Spitze' übersetzen.«
»Stimmt, weil es nur den oberen Teil bedeckt.«
Ich bohre weiter: »Also ist es demzufolge ein Hut?«
»Blödsinn! Den oberen Teil des Körpers.«
»Aha, also eine Art BH?«
»Naja, so ungefähr.«
»Neckisch. Das erklärt aber immer noch nicht, wieso ein Anzug bei euch Hosenanzug heißt.«
»Es gibt«, erklärt mir Heike mit mitleidigem Blick, »diese Konstellation auch mit Jacke und Rock.«
»Das wiederum ist mir als Kostüm bekannt.«
»Das verstehst du nicht!«
Stimmt schon wieder.
»Was ziehst du denn an?« fragt Heike, mich von nun an völlig ignorieren wollend, Christiane.
»Meinen auberginefarbenen Hosenrock und eine weiße Bluse.«
Ich ignoriere die Tatsache, daß ich ignoriert werde und mische mich abermals ein: »Bluse! Hurra! Ein Kleidungsstück, das sogar mir bekannt ist! Aber was ist denn nun schon wieder ein Hosenrock?«
»Das ist ein Teil«, erklärt mir Christiane in einem Tonfall, den man für gewöhnlich Kretins gegenüber anschlägt, »welches eigentlich eine Hose, jedoch so weit geschnitten ist, daß es wie ein Rock aussieht.«
»Also eine Hose« stelle ich fest.
»Nein, ein Hosenrock
In frühester Kindheit habe ich für mich selbst die Definition aufgestellt, daß ein Kleidungsstück, das oben einen Eingang und unten einen Ausgang hat, ein Rock und eines, das oben einen Eingang und unten zwei Ausgänge hat, eine Hose ist.
»Hosenrock«, doziere ich, indem ich meine Definition an die Frau bringe, »ist ein Zwitterding, welches es rein logisch gar nicht geben kann.«
»Das verstehst du nicht.« setzen sich die Mädels schließlich und verbindlich durch.

Nachdem ich zunächst vergeblich versucht habe, der weiblichen Logik entsprechende Wortschöpfungen ins Leben zu rufen, was mir anfangs lediglich bei dem aus dem Indianischen stammenden 'Feuerwasser' gelang, kann ich mittlerweile meine Umwelt durch geniale verbale Dreifachsalti davon überzeugen, daß mein Gehirn dem eines weiblichen Wesens durchaus ebenbürtig ist.
Zwar kommt es gelegentlich vor, daß man nach den Männern mit den weißen Jacken oder der Polizei ruft, wenn ich beispielsweise in Kaufhäusern Stiefelsandalen, Kniestrumpfsöckchen, T-Shirt-Hemden, Mützenhüte oder Krawattenhosen verlange, aber die Jungs aus meiner Selbsthilfegruppe zur Emanzipation des Mannes stehen geschlossen und vorbehaltlos hinter mir.
Darauf einen Biersekt!

© 1990 Kaelo

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