Von Null auf Künstler

»Zeig mal her, das Teil« fordere ich Kelly auf, der gerade seinen neuen, absolut fälschungssicheren Personalausweis präsentiert, den er erst vor wenigen Stunden vom Einwohnermeldeamt abgeholt hat. Er reicht ihn mir, und ich stelle nach kurzer Begutachtung fest, daß auf der Rückseite eigens eine Eintragmöglichkeit für einen Ordens- oder Künstlernamen vorgesehen ist. Sofort steht für mich fest, daß dieser Freiraum in meinem eigenen neuen Ausweis, den ich in kürze beantragen muß, mit dem Namen Kaelo ausgefüllt sein wird, meinem Spitznamen seit frühester Jugend, unter dem mich mittlerweile erheblich mehr Menschen kennen, als unter meinem Taufnamen.
Ein winziges Problem könnte diesem Vorhaben im Wege stehen: Als überzeugter Atheist werde ich definitiv niemals einem Orden angehören, und obwohl ich Mitglied eines Literaturclubs bin, habe ich arge Skrupel, mich als Künstler zu bezeichnen. Egal, der Zweck heiligt die Mittel.
Tags drauf ziehe ich nervös vor dem Einwohnermeldeamt meine Bahnen und versuche mir einzureden, daß es sich bei meiner Person um den bedeutenden Literaten Kaelo handelt, der seinen Elfenbeinturm kurzfristig verlassen muß, um mit einem Teil des gemeinen Fußvolkes zwecks Beantragung eines neuen Ausweises herumzutrivialisieren.
Überraschend leichtfüßig schwebe ich kurze Zeit später dem für mich zuständigen Beamten entgegen und lande wolkenweich auf dem für mich zuständigen Stuhl. Wortlos und mit aristokratisch-desinteressiert gekräuselter Nase sitze ich dem Manne gegenüber, während meine linke Hand ihm das vom Verfall bedrohte graue Alt-Ausweisheft hinüberschiebt. Im Gegenzug returniert er das Antragsformular, welches ich ausfülle, während er prüft, was ihn seine einschlägigen Vorschriften zu prüfen heißen. Anschließend fragt er mich, ob sich zwischenzeitlich an den bisherigen Daten irgend etwas geändert hat. Sein Tonfall bei dieser Frage läßt darauf schließen, daß er keine andere Antwort als ein eindeutiges Nein zur Kenntnis zu nehmen gewohnt ist.
»Ich denke, daß es mittlerweile opportun wäre, mein Pseudonym im Ausweis zu vermerken.«
Während dieser für den Beamten sicherlich völlig unerwarteten Antwort tippe ich kurz auf die entsprechende Stelle in meinem Antrag und fixiere dann mit gelangweilter Miene den Nagel meines linken Zeigefingers. Im normalen Leben würde ich niemals das Wort opportun benutzen, in diesem speziellen Fall finde ich jedoch, daß es meiner Person einen Hauch von Erhabenheit verleiht.
»Ihr was
Ich wende meine Augen dem Beamten zu und wiederhole, als ob er soeben die Behauptung 1+1=2 nicht zu verstehen in der Lage gewesen wäre, ganz langsam: »Mein Pseu-do-nym.«
Hiernach halte ich den Fall für abgeschlossen und lenke mein Augenmerk nunmehr auf den Mittelfinger der linken Hand.
Puh, bis jetzt war alles noch ganz einfach, aber lange halte ich dieses Spielchen nicht mehr durch.
»Was, bitte, ist ein Pseudo...«
»...nym.« ergänze ich betont beiläufig, um hiermit zu dokumentieren, daß ich keinerlei Verständnis für jemanden aufbringe, der so ignorant ist, dieses Wort nicht zu kennen.
»Was ist ein Pseudonym?« bohrt er jedoch penetrant weiter.
Kaelo, zeig's ihm!
Ich schüttle ungläubig den Kopf, sehe ihm in die Augen und ringe die Hände, wie wenn ich völlig verzweifelt bemüht bin, die Fassung zu wahren, um dann, quasi als letzte Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren, »Ein Künstlername« zu antworten.
Gut gemacht, jetzt ist er im Zugzwang.
»Ja, äh, sind Sie denn Künstler?«
Kaelo, ernst bleiben! Bloß nicht die Contenance verlieren!
»Wahrscheinlich. Warum sonst sollte ich wohl ein Pseudonym benutzen?«
Du kannst Fragen stellen, Depp! Mach den Kopf zu und sorge dafür, daß mein Pseudo im Ausweis landet.
»Äh, was für eine Art Künstler sind Sie denn?«
Ich sehe mich im Raum um, um verzweifelt jemanden zu suchen, der diese Unverschämtheit mitanzuhören gezwungen war. Dummerweise sitze ich hier als einziger Zeuge und hoffe, daß ihn mein hilfeerheischender Blick wenigstens verunsichert hat.
»Schriftsteller.«
Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht laut losprusten zu müssen. Ich und Schriftsteller. Wahrscheinlich der einzige meiner Zunft, der je wegen einer Fünf in Deutsch sitzengeblieben ist.
»Das hatten wir hier noch nie. Da muß ich das Einwohnermeldeamt in der City anrufen. Moment bitte.«
Er hat's geschluckt! Sekt! Kaviar!
Ich genieße die Tatsache, daß Hörde, der Vorort in dem ich wohne, ein eigenes Einwohnermeldeamt besitzt, insbesondere deshalb, weil mir der informative Anruf des Beamten Zeit gibt, mich für das womöglich noch folgende Finale wieder zu sammeln. Ich lausche dem Hörder Teil des Beamtendialogs mit zunehmender Entspannung.
»Tag, hier Schlafmann, Zweigstelle Hörde. Hier sitzt einer, der sein Pseudonym in den Ausweis eingetragen haben möchte.«
Pause.
»Künstlername natürlich!«
Pause.
»Schriftsteller.«
Pause. Erheblich länger als die ersten beiden, was mich zu der Annahme verleitet, daß Hauptstelle Dortmund City auch nicht so ohne weiteres weiß, wie in dieser Angelegenheit zu verfahren ist.
»Ja. Ja. Hmmmmh. Klar. Ja. Gut. Danke. Tschüß.«
Er wendet sich wieder mir zu.
»Haben Sie irgend etwas, äh, Schriftliches, mit dem Sie, äh, belegen können, daß Sie Schriftsteller sind?«
Kaelo, reiß Dich zusammen. Nicht lachen. Genervt klingen. Pokern.
»Was meinen Sie? Soll ich Ihnen einige meiner Bücher anschleppen?«
Sag jetzt bloß nicht ja, Du Tröte!
Ich habe bewußt den Begriff »anschleppen« gewählt, weil er nach sehr viel Mühe klingt, die ein simpler Drehstuhlpilot einer literarischen Koryphäe doch wohl hoffentlich nicht zumuten wird. Außerdem habe ich natürlich noch kein einziges Buch geschrieben, aber das hat diesen Kasper ja nun wirklich nicht zu interessieren. Der soll seinen Job erledigen!
»Nein, natürlich nicht.«
Puuuuh!
»Aber sind Sie nicht, äh, Mitglied, äh, oder so...«
»...in einem Literaturclub, zum Beispiel? Natürlich. Ach so etwas meinen Sie.«
Junge, sag, daß Du das meinst! Sag es! Sag es!!!
» Ja, genau. Und da bräuchte ich dann, äh, eine...«
»...Bescheinigung, aus der hervorgeht, daß ich Schriftsteller bin?«
Du hast verloren! Wenn Du jetzt ja sagst, hast Du verloren! Sag ja!
»Ja.«
Jaaaaaaa!!!
Mein Puls reduziert schlagartig seine Frequenz.
»Gibt's da ein bestimmtes Formular, daß die Vorsitzende vom Sekretariat ausfüllen lassen muß?«
Es geht Dich einen feuchten Haufen an, daß die Vorsitzende gleichzeitig das Sekretariat und noch einige andere Stellen in Personalunion darstellt.
»Nein, es reicht eine formlose Bestätigung.«
»Bringe ich morgen vorbei. Bis dann.«
»Auf wiedersehen, Herr...« verstohlener Blick auf das Formular »... Kaelo.«
Zu Hause angekommen stürze ich mich sofort auf das Telefon und wähle die Nummer der Vorsitzenden unseres Literaten-Vereins. Sie heißt Dolores C., und das ist sogar ihr richtiger Name. Ich finde, er klingt nach absoluter Seriosität.
»Dolly, altes Mädel, ich brauche dringend eine Bescheinigung darüber, daß ich der bedeutende Schriftsteller Kaelo bin.«
»Wofür?«
»Einwohnermeldeamt. In diesen neuen Ausweisen ist der Eintrag eines Pseudonyms möglich, vorausgesetzt, der Inhaber ist Künstler.«
»Liegt morgen früh in Deinem Briefkasten.«
»Es muß daraus hervorgehen...«
»Ich sagte doch, liegt morgen früh in Deinem Briefkasten. Tschüß.«
»Tschüß und danke.«
Ich fange den Briefträger schon ein ganzes Stück vor meiner Haustür ab. Er reicht mir den Umschlag. Nervös öffne ich ihn und lese den Inhalt mit großen Augen. Anschließend stehe ich fassungslos da und frage mich: Wer, zur Hölle, sind Grass und Böll gegen mich? Dolores, das ist eine Meisterleistung!
Diese Meisterleistung überreiche ich kurze Zeit später dem Beamten des Einwohnermeldeamtes Hörde. Offensichtlich ist er noch mehr beeindruckt als ich selbst, denn nachdem er das Schreiben durchgelesen hat, habe ich das Gefühl, daß er eine leichte Verbeugung macht und das Papier hält, als sei es aus purem Blattgold. Beinahe zärtlich fügt er es meinem Antrag bei, wendet sich wieder mir zu und flüstert: »Tut mir leid, aber es wird etwa sechs Wochen dauern. Selbstverständlich werde ich Sie benachrichtigen, wenn Ihr Ausweis zum Abholen bereit ist.«
Ich lächle huldvoll und verlasse das Amt.
Sechs Wochen später halte ich meine Identitätskarte in den Händen. Mein Name ist Kaelo. Ich bin Künstler.
Und das habe ich schwarz auf grün.

© 1999 Kaelo

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