Mallorca tropft

Ich kenne Spanien wie meine Westentasche. Oder genauer gesagt: Mallorca. Ganz genau gesagt: Cala Ratjada, bzw., um Haare zu spalten, das Casa Nova, eine unter österreichisch /kölscher Leitung stehende Gaststätte. Diese war mir von ortskundigen Freunden als absolutes Muß empfohlen worden, weshalb ich dieses Etablissement direkt nach meiner Ankunft aufsuchte und erfreut feststellte, daß diese Empfehlung durchaus gerechtfertigt war. Ich hatte hier alles, was ich ausgesprochen gerne in solchen Häuslichkeiten finde: Max und Jacky, die sich stets in bester Laune präsentierenden Besitzer, als Gäste ein bunt gemischtes, lärmendes, jenseits jeglicher Aggression agierendes Volk, Musik, die mir zusagte und ein gut gezapftes, schmackhaftes Bier. Ein einziger Nachteil fiel mir auf: Dieses gut gezapfte, schmackhafte Bier tropfte.

Wann immer ich ein Glas vom Deckel hob, um zu trinken, fand ich anschließend auf Hemd oder Hose diverse Tropfen, welche sich nach chemischer Analyse als Wasser und nicht als Biertropfen entpuppten, was mich, da diese aufgrund des Klimas kurzfristig wieder verdunsteten, nicht psychisch belastete, aber auf Dauer doch ein wenig nervte, weil es speziell bei Herren Jeans eine Stelle gibt, an der tropfenbedingte Flecken von Außenstehenden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch interpretiert werden.

Da ich dieses Phänomen anfangs als Casa Nova spezifisch ansah, andererseits jedoch dazu neige, vor einer fundierten Meinungsbildung eine ausgedehnte Feldforschung zu betreiben, klapperte ich im Laufe der Zeit alle im Umkreis befindlichen Kneipen, Restaurants und Pinchito Buden ab, in denen Bier ausgeschenkt wurde. Ich stellte fest, daß sich die obligatorischen Flecken nicht ein einziges Mal vermeiden ließen, was mich stutzig machte, weil ich derartiges in Deutschland noch nie erlebt hatte, obwohl ich hier seit ungleich längerer Zeit mein Bier zu mir nehme.

Da ich den Vorgang des Tropfens als einen abstellbaren ansah, den die Gastronomen in dieser Gegend offensichtlich nicht in den Griff bekamen, gewöhnte ich mir an, stets eine Packung Papiertaschentücher mit mir zu führen, um die Biergläser vor Verzehr des Inhaltes abzutrocknen. Sie tropften dennoch.

Ich trug beim Bierkonsum eine Lederschürze, welche ich ordnungsgemäß befestigt hatte. Die Gläser tropften zwar nicht auf meine Jeans, wohl aber zielsicher auf mein Hemd.

Ich trug über meiner Kleidung einen Neoprenanzug, welcher beim Bierkonsum trocken blieb, wobei sich die Tropfen auf unerklärliche Weise auf der darunter befindlichen Kleidung manifestierten.

Ich trank mein Bier ausschließlich im hoteleigenen Swimming-Pool, wobei ich mich im Wasser und sich nichts außer einer Badehose an meinen Körper befand. Nach dem Trocknen der Badehose blieben die Stellen naß, auf die normalerweise das Bier tropfte.

Als letzten Versuch trank ich mein Bier nackt in der Badewanne sitzend. Beim Ankleiden mußte ich feststellen, daß sich auf meiner Kleidung die unvermeidlichen Tropfen gleichmäßig verteilt hatten.

Ich habe mich mittlerweile für künftige Mallorca Urlaube damit abgefunden: Mallorca ist undicht.
Mallorca tropft.

© 1986 Kaelo

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