Kalt oder mit Senf?

Niemals würde jemand ernsthaft behaupten wollen, daß die Bewohner des Ruhrgebiets extrem langsam denken, abgesehen von den Bewohnern der Bundesländer nördlich, östlich oder südlich von Nordrhein-Westfalen (westlich von NRW gibt es kein Bundes-, dafür aber Holländer, und die denken das auch).
Allerdings handelt es sich bei dieser Einschätzung um ein Mißverständnis: Wir Ruhrgebietler denken lediglich intensiver. Als Beispiel hierfür möchte ich folgendes Ereignis anführen, welches in einer Dortmunder Pommesbude (=Schnellimbiß) stattfand. Hier wird deutlich, daß die Bedienung nur bemüht ist, die Kundschaft restlos zufriedenzustellen und aus diesem Grund jede mögliche Fehlerquelle, notfalls auch mehrmals, auszuschalten.

"Eine Frikadelle, bitte", bestelle ich nach Betreten der besagten Pommesbude.
"Mit oder ohne Senf?" will die Fachkraft hinter dem Tresen wissen, da dies offenbar von großer Wichtigkeit für sie ist.
"Mit Senf."
"Sie können aber auch Ketchup bekommen."
"Nein, vielen Dank. Ich möchte Senf."
"Kalt oder heiß?"
"Den Senf?"
"Nein, die Frikadelle natürlich."
"Heiß, wenn's geht."
"Es geht", versichert sie mir und versenkt eine Frikadelle im unergründlichen Fett der Friteuse.
"Möchten sie Senf dazu?"
"Das erwähnte ich bereits" entgegne ich, wobei mir immer noch nicht so recht klar ist, welche Rolle diese Information für das Aufheizen der Frikadelle spielt.
"Sie können auch Ketchup haben."
"Das wiederum erwähnten Sie bereits."
"Und? Möchten Sie?"
"Wie ich schon sagte: nein!"

Die Frikadelle bruzzelt, das Fritier Girl brütet, und zwar die nächste Frage aus.
"Soll ich die Frikadelle heißmachen?" fragt sie.
"Sie liegt bereits in siedendem Fett" kläre ich sie auf.
"Oh, das tut mir leid" schreit sie entsetzt und befördert den Klops hektisch vom siedenden Fett ins Gefrierfach.
"Was soll das?" zitiere ich ärgerlich Grönemeyer.
"Sie möchten die Frikadelle doch kalt?" bemerkt sie leicht verunsichert.
"Ich möchte sie heiß!" bestätige ich meine bereits vor längerer Zeit geäußerte Bestellung.
"Warum sagen Sie das nicht gleich?" fragt sie und deponiert die Frikadelle wieder in der Friteuse.
"Ich habe es gleich gesagt!"
"Soll ich sie kleinschneiden?"
"Mich??!!" frage ich entsetzt.
"Nein, die Frikadelle natürlich."
"Natürlich!" seufze ich erleichtert.
"Natürlich kleinschneiden?" will Mrs. Pommes wissen.
"Natürlich nicht" antworte ich.
"Also nicht kleinschneiden" stellt sie fest.
"Ja" bestätige ich.
"Aha! Doch kleinschneiden?!"
"Nein!!!"
"Dann sagen sie das doch!"
Ich sage es nicht und beiße stattdessen in den Tresen. Alternativ habe ich zunächst in Erwägung gezogen, das Pommes Girl zu erwürgen, aber letztendlich ist die Gute ist ja lediglich darauf bedacht, gewissenhaft ihre Pflicht zu erfüllen.

"Eine Frikadelle mit Senf, nicht kleinschneiden," faßt sie meine Bestellung noch einmal zusammen, was ich ebenso glücklich wie kopfnickend bestätige.
"Soll ich sie heißmachen?"
"Nein, ich koche bereits!" schreie ich, greife mir ein kaltes Bratwürstchen ohne Senf, nicht kleingeschnitten (sicherlich hätte ich es auch ohne Ketchup bekommen können), werfe eine Münze auf den Tresen und gehe.

© 1988 Kaelo

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