Die Fliege

Es war mitten im tiefsten Winter - der Kalender wies den Monat Januar aus - als diese unglaublich dumme Fliege sich auf meinem Frühstücksbrötchen häuslich niederzulassen anschickte. Unglaublich dumm deshalb, weil sie als offensichtlich einziges Exemplar ihrer Gattung noch nicht begriffen hatte, daß Fliegen im Winter tot zu sein haben, anstatt in meiner Wohnung herumzuschwirren. Kurzerhand schickte ich sie mit Hilfe meiner Morgenzeitung in die ewigen Jagdgründe zu ihren Artgenossen, als mir die Türklingel signalisierte, daß mich noch jemand beim Frühstück zu stören gedachte. Ich öffnete die Tür und erblickte Eberhard, einen ebenso genialen wie kindsköpfigen Freund, den ich noch aus Schulzeiten kannte. Genial war er zweifellos, kindsköpfig aus dem Grund, daß er jeglichen Aberglauben, z.B. schwarze Katzen von rechts, schrägstehende Leitern, die Bibel, etc. für bare Münze nahm und zu allem Überfluß nicht eher Ruhe zu geben pflegte, bis er, wenn jemand unvorsichtig genug gewesen war, das Gespräch in seiner Gegenwart auf eines dieser Themen zu lenken, seinen Gesprächspartner von seinen Theorien überzeugt oder ihn in den Suizid getrieben hatte. Um ihn gar nicht erst zu Wort kommen zu lassen, erzählte ich ihm von meinem unlängst durch meine Mithilfe verendeten Haustier, in der Hoffnung, daß ihm hierzu kein passendes Monologthema einfallen würde. Leider hatte ich mich damit ins eigene Fleisch geschnitten.
»Bist du wahnsinnig?« fragte er mich ebenso vorwurfsvoll wie suggestiv. Ich versuchte, meine diesbezügliche Unkenntnis zum Ausdruck zu bringen, als er fortfuhr: »Weißt du nicht, daß es ein Zeichen von zu erwartendem Reichtum ist, wenn man im Winter eine Fliege in der Wohnung hat? Je länger sie dort überwintert, desto größerer Reichtum steht einem ins Haus!«
»Dummes Geschwätz!« argumentierte ich sachlich, da mir jeglicher Sinn für derartigen Humburg fehlt.
»Das ist genau so absurd, wie wenn ein Vollidiot zum Bundeskanzler gewählt werden würde«, wobei mir im gleichen Moment bewußt wurde, daß ich mir damit nicht unbedingt das glücklichste Beispiel ausgesucht hatte.
»Du wirst sehen, daß du in große finanzielle Not geraten wirst, weil du die Fliege erschlagen hast!« orakelte Eberhard lautstark und entschwand, nicht ohne mir sein Bedauern über meine Zukunft zugesichert zu haben.
Ich war froh, ihn so unerwartet schnell wieder losgeworden zu sein und schloß blitzschnell die Tür hinter ihm. Ebenso blitzschnell sprintete ich zu dem Flecken an meiner Tapete um festzustellen, ob sich nicht doch noch ein Hauch von Leben in ihm befand. Es sah nicht so aus, und als auch meine bei der Bundeswehr erlernten Wiederbelebungsversuche nebst Mund-zu-Mund-Beatmung nichts fruchteten, griff ich mir das Stück Fliege, setzte mich mit ihm ins Auto und suchte den nächsten Tierarzt auf. Man weiß ja nie, ob an solch seltsamen Aberglauben nicht doch ein wenig Realität haftet.
Der Tierarzt bedauerte, mir mitteilen zu müssen, daß auch er nichts mehr retten könne und sprach mir sein Beileid aus, wobei ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, daß diese Bemerkung direkt auf mich und nicht auf den Fliegenkadaver gemünzt war. Warum sollte ein einfacher Medizinmann auch Ahnung von den neuesten, wissenschaftlich fundierten Theorien über direkte Zusammenhänge zwischen übernatürlichen Kräften und dem täglichen Leben besitzen. Bedrückt suchte ich, nachdem mir auch eine veterinärmedizinische Koryphäe aus der örtlichen Tierklinik die Diagnose des Tierarztes mit den Worten »Die Fliege ist tot« bestätigt hatte, den vor kurzem eröffneten Tierfriedhof auf, um meinem verblichenen Freund wenigstens eine angemessene Beerdigung zuteilen werden zu lassen, was mich einen nicht unerheblichen Teil meiner Ersparnisse kostete, und fuhr nach Hause, letztendlich doch glücklich darüber, daß ich erst gar nicht in Versuchung geführt worden war, mir Eberhards Aberglauben zu eigen zu machen.
Allerdings muß ich zugeben, daß mich seine Abschiedsworte, in denen er mir eine auf mich zukommende Armut prophezeit hatte, doch ein wenig beunruhigten. Ich beschloß also, dieselbe dadurch abzuwenden, daß ich einen fliegenbedingten Reichtum ein wenig zu forcieren gedachte.
Ich durchstöberte also alle erreichbaren Tierhandlungen, den örtlichen und diverse außerhalb gelegene zoologische Gärten, appellierte per Zeitungannonce an die Besitzer von Terrarien und wandte mich schriftlich an den Internationalen Fliegenzüchterverband. Die einstimmige Auskunft lautete, daß Fliegen erst im Frühjahr wieder lieferbar seien. Auch ein Anruf bei Prof. Grzimek, dem Leiter des Frankfurter Zoos, brachte mir lediglich die Erkenntnis, daß der Herr Professor in letzter Zeit ein wenig zerstreut sei, nämlich über der Serengeti. Somit war auch meine letzte Hoffnung zerstört, und ich begann, mittlerweile mit Selbstmordgedanken spielend, über jede sich bietende Möglichkeit nachzugrübeln, den bevorstehenden finanziellen Ruin abzuwenden.
Einem meiner häufigen Geistesblitze folgend, gelang es mir, die Lage nüchtern zu analysieren: Wenn sich eine Fliege mitten im Winter in meine Wohnung verirren kann, so schloß ich, könne dies doch auch einer zweiten passieren. Ich richtete also im Wohnzimmer einen komfortablen Fliegenkäfig ein, den ich mit Sauna, Solarium, Tennisplatz und Video-Anlage austattete, brachte an jedem Fenster ein Schild an mit der Aufschrift: »Fliegenparadies, Benutzung gratis« und hielt sämtliche Fenster durchgehend geöffnet, um eventuell interessierten Logiergästen jederzeit den Zuflug zu ermöglichen. Bei den Außentemperaturen von ca. 5° C trieb dieses Unterfangen natürlich meine Heizkosten extrem in die Höhe und meinen Kontostand noch extremer in die Tiefe, aber was tut man nicht alles für den Wohlstand.
Nach einer mir endlos lang erscheinenden Zeit des vergeblichen Wartens wurde es doch noch wahr: Ich erblickte eines dieser göttlichen Insekten, wie es sich vollgefressen, mit Longdrinkglas und Sonnenbrille ausgestattet in einem Liegestuhl des Solariums aalte. Glücklich über den kaum noch erwarteten Lohn meiner Ausdauer, fiel mein Blick auf den Kalender, welcher mittlerweile den 12. August anzeigte, den man, zugegeben, nur noch mit sehr viel Phantasie dem Winter zuordnen kann.
Abschließend sei erwähnt, daß ich wenigstens Eberhards dummen Spruch vom Reichtum widerlegen konnte. Ich wünschte, er könnte mein überlegenes Siegerlächeln sehen, welches ich jedes Mal aufsetzte, wenn ich bei der Heilsarmee mein Süppchen in Empfang nehme, um gleich nach Verzehr wieder ins Obdachlosenheim zurückzukehren und dort über Sinn und Unsinn des Aberglaubens nachzudenken.

Ich habe es immer gewußt, Eberhard: Du bist nichts als ein Scharlatan!

© 1988 Kaelo

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