Der Terrorist

Vorab bemerkt: Nichts liegt mir ferner, als Spanien als das Mutterland des Terrorismus be-zeichnen zu wollen. Dafür ist der spanische Terrorismus viel zu unbedeutend. Es war ausschließlich meine eigene kurze und bescheidene Karriere als Terrorist, die im Zusammenhang mit diesem Land stand.

Der Auslöser war ein Urlaub auf Mallorca, zu dem mich Freunde überredet hatten. Nicht, daß ich etwas gegen Mallorca hätte. Es ist nur so, daß ich im Urlaub gerne Menschen fremder Nationalitäten kennenlerne, was auf dieser Insel nicht möglich ist. Außer Deutschen und einigen deutschsprachigen Spaniern verleben nur Engländer ihren Urlaub dort, und die kenne ich bereits.

Als Ergänzung zu diversen Pärchen bildeten zwei Mädels und ich die Single-Fraktion unserer Reisegruppe, so daß ich mir mit diesen beiden ein Dreibettzimmer teilen durfte. Meine anfängliche Freude hierüber verflog rasch, als mir bedrohlich klar wurde, daß ich es mit zwei ebenso eingefleischten wie rigorosen Nichtraucherinnen zu tun hatte, so daß das Rauchen im Hotelzimmer bei Prügelstrafe untersagt war. Ich selbst gehöre nicht zum erlesenen Kreise der Nichtraucher, aber wenn ich tagsüber genug rauchen würde, sollte abends im Zimmer mein Nikotinbedarf bereits gedeckt sein. Von einer solchen Lappalie, beschloß ich, würde ich mir meinen Urlaub nicht vermiesen lassen.

Ausgerechnet ich hatte während unserer Vorbereitungstreffen vorgeschlagen, die S-Bahn für die Fahrt zum Flughafen zu nutzen. Dieser Vorschlag war von allen anderen, übrigens durchweg Nichtraucher, vorbehaltlos akzeptiert worden, so daß ich als leidenschaftlicher Autofahrer offenbar der einzige war, dem das Rauchverbot in diesem vorsintflutlichen Verkehrsmittel erst beim Betreten desselben bewußt wurde. Eine großzügig bemessene Anzahl von Hinweisschildern setzte mich eindringlich und unübersehbar über diese Regelung in Kenntnis.

Die Fahrt sollte zwei Stunden dauern, und ich hätte das Rauchverbot auch tapfer eingehalten. Mein Körper seinerseits tat nach anderthalb Stunden die Auffassung kund, daß umgehend ein Nikotinschub vonnöten sei. Bei Zuwiderhandlung, so drohte er mir an, würde er sämtliche Funktionen einstellen. Ich, ein Mensch, der sich in jeder Lebenslage im Griff hat, machte meinem Körper schwerste Vorwürfe wegen mangelnden Durchhaltevermögens. Dennoch kam ich nicht umhin, mich nach einem Ort umzusehen, an dem ich heimlich ein paar Züge an der Zigarette machen konnte. Schließlich bin ich davon abhängig, daß mein Körper seinen Dienst ordnungsgemäß versieht.

Zunächst machte ich mich auf den Weg zu den Toiletten. Leider waren alle besetzt, wobei ich bemerkte, daß aus den Türfugen jeweils größere Rauchschwaden auf den Gang quollen. Lächerlich, diese Typen, die es nicht einmal für die Dauer einer S-Bahn-Fahrt ohne ihre Glimmstengel aushalten. Also quetschte ich mich notgedrungen in eine Ecke, die ich für uneinsehbar hielt, steckte mir eine Zigarette in den Mund und holte mein Feuerzeug aus der Tasche. Zeitgleich spürte ich den nicht sonderlich von Sympathie getragenen Blick des Schaffners, der mir zudem androhte, mich bereits bei dem Versuch, die Zigarette anzuzünden, aus dem fahrenden Zug zu werfen. Ich lehnte dieses Ansinnen dankend ab und schlich, weiterhin nikotinfrei, in mein Abteil zurück. Noch ehe ich wieder Platz nehmen konnte erinnerte mich mein Körper nachdrücklich an seine Forderung, so daß ich mich umgehend wieder auf den Gang begab. Einer spontanen Eingebung folgend öffnete ich ein Fenster, steckte den Kopf hinaus, eine Zigarette in den Mund hinein und griff nach meinem Feuerzeug. Es gelang mir nicht einmal, es aus der Tasche zu ziehen, weil mir ein Mitreisender freundlich auf die Schulter klopfte und unter Androhung der unterschiedlichsten Aktivitäten auf dem Gebiet des Sadismus mitteilte, daß in einer S-Bahn, in der er Fahrgast sei, nur über seine Leiche geraucht werde. So wie diesen Typen habe ich mir als Kind immer die Männer vorgestellt, die in Enid-Blyton-Büchern als »vierschrötig« beschrieben werden. Nicht zuletzt deshalb entschied ich, daß es ein zu großer Aufwand wäre, ihn zu töten, nur um meinen uneinsichtigen Körper zufriedenzustellen. Deshalb versicherte ich dem Mann, daß er von mir nichts zu befürchten habe und verabschiedete mich, weil ich ohnehin an der nächsten Station aussteigen mußte.

Im Flughafengebäude versetzte ich eine beträchtliche Menge Zigaretten vom festen in den gasförmigen Aggregatszustand. Beim Einchecken muß ich wohl grob unachtsam versäumt haben, meinen Wunsch nach einem Platz im Raucherbereich zu äußern. Diese Tatsache und die daraus resultierenden absehbaren Folgen wurden mir einmal mehr bewußt, nachdem es zu spät war: Beim Betreten des Flugzeugs.Mit zitternden Extremitäten versuchte ich mir einzureden, daß ich die 140 Minuten bis Palma auch ohne Zigaretten überstehen würde. Allein diesen Gedanken bestrafte mein Körper mit einer kurzfristigen Herzrhythmusstörung, woraus ich folgerte, daß er mit einer so langen Nikotinabstinenz nicht einverstanden sein würde. Demzufolge machte ich mir noch vor dem Start ernsthafte Gedanken darüber, wo ich ungesehen die lebensnotwendigen Gifteinheiten zu mir nehmen könnte. Mangels Alternativen wählte ich kurz nach dem Abflug wiederum die Toilette als Ort des Frevelns aus. Glücklicherweise war diese gerade nicht besetzt, so daß ich sie betrat, um die handelsüblichen Vorbereitungen zum Anzünden einer Zigarette zu treffen. Leider wurde ich auch diesmal an der Durchführung gehindert, weil mich der Bordlautsprecher unter Nennung von Namen, Nationalität, Alter und Größe für sämtliche Mitflieger hörbar darauf hinwies, daß auch diese Toilette zur Nichtraucherzone des Flugzeugs gehörte und daß ich meinen Appetit auf Räucherstäbchen gefälligst bis zur Landung zu zügeln habe. Ich sah die Sinnlosigkeit meines Vorhabens ein, verließ das WC und gelangte, von Pfiffen und Buh-Rufen meiner Mitreisenden begleitet, wieder zu meinem Platz.

Mein Körper quittierte mein mangelndes Durchsetzungsvermögen mit einer erneuten Herzrhythmusstörung, die noch ein wenig arhythmischer war als die erste. Sie überzeugte mich davon, daß sein Nikotinbedarf keinesfalls gestillt war. Erfreulicherweise waren meine beiden Sitznachbarn mittlerweile eingeschlafen. Heimlich ergriff ich Zigarette, Feuerzeug und Gelegenheit, senkte meinen Kopf zwischen die Knie, und es gelang mir tatsächlich, die Zigarette anzuzünden und zwei tiefe Züge zu inhalieren. Erst danach bemerkte ich, daß sich mir ein maskierter, mit Peitsche bewaffneter Muskelkloß genähert hatte, der mir die Zigarette entriß, mich aus dem Sitz zerrte und an den Marterpfahl fesselte. Nach zehn gezielten Peitschenhieben band er mich los und warf mich unter dem tosenden Beifall der übrigen Passagiere auf meinen Platz zurück.

Zufrieden stellte ich fest, daß mein Körper signalisierte, meinen guten Willen erkannt und akzeptiert zu haben und seine Funktionen bis zur Landung ordnungsgemäß versehen zu wollen. Nach derselben steckte ich mir eine Schachtel Zigaretten an und begab mich zu dem Shuttle-Bus, der uns an den Zielort bringen sollte und der, wie ich mit geübtem Blick erleichtert feststellte, mit Aschenbechern ausgestattet war. Der Fahrer gab bekannt, in welcher Reihenfolge er die einzelnen Hotels anzufahren gedachte. Unseres war das letzte, aber das war mir unter den gegebenen Umständen völlig egal. Abschließend erfuhren wir noch beiläufig, daß das Rauchen bei Todesstrafe verboten sei.

Mir war sofort klar, was ich zu tun hatte. Ich zog mein Rasiermesser aus dem Handgepäck, stürzte mich auf den Fahrer und setzte ihm das Messer an die Kehle. Während ich mir mit der linken Hand eine Zigarette in meinen Mund schob und anzündete, befahl ich ihm, mich umgehend wieder zurück zum Flughafen zu bringen. Dort kaperte ich mit dem Busfahrer als Geisel ein Flugzeug, dessen Piloten ich zwang, mich nach Kuba zu fliegen.

Ich lebe jetzt auf Kuba im Exil und bin ein glücklicher Mensch geworden, weil ich hier ungehemmt rauchen darf. Fidel ist nämlich auch Raucher. Er raucht zwar Zigarre, aber sonst ist er ganz in Ordnung.

© 1986 Kaelo

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